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Die Lage der Regimegegner im Iran droht aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit zu verschwinden. Und das, obwohl massive Einschüchterungen, Verhaftungen und Zensur andauern. Ein iranischer Blogger im deutschen "Exil" berichtet über die ganz alltägliche Unterdrückung in seiner Heimat. Alle Namen wurden geändert. Der Name des Verfassers ist der Redaktion bekannt, aber aus Sorge um seine Sicherheit und die Sicherheit seiner Familie wird er nicht veröffentlicht.
Seit der Wahl im Iran ist inzwischen einiges an Zeit verstrichen. Immer wieder war ich versucht, in meine Heimat zurückzukehren, aber immer wieder bat meine Mutter mich am Telefon inständig, es sein zu lassen: Bleib dort, es ist sicherer. Sie hat recht. Die meisten meiner Freunde sind entweder durch Bestechung wieder auf freiem Fuß oder sie sitzen im Gefängnis, ihre Familien haben keine Nachricht von ihnen.
[Bildunterschrift: Die Proteste gegen das Regime wurden blutig niedergeschlagen (Archiv). ]
Während ich hier in Deutschland im Exil verharre, erfahre ich, dass Aschkan - ein Freund aus Schweden – nach Iran zurückgekehrt ist. Ich rufe ihn an. Kaum erkennt er meine Stimme am Telefon, sagt er: "Lieber Poorya, deine Bücher, die noch bei mir sind, bringe ich Dir bald zurück." Dann ist die Verbindung weg. Ich schreibe ihm eine E-Mail und wir verabreden uns zum chatten. Vorher erinnere ich ihn daran, dass weder Yahoo-Messenger noch Skype sicher sind, wir verwenden Google-Talk.
Aschkan erzählt mir im Chat, dass er eine Woche nach der Wahl beschlossen hatte, nach Iran zu reisen. Als er am Flughafen in Teheran ankommt, wird ihm der Pass abgenommen. Die Beamten geben ihm eine Adresse, dort solle er sich wegen des Passes melden. Dort durchsucht man ihn am ganzen Körper, er muss persönliche Dinge und sein Mobiltelefon abgeben. In einen Wartesaal sitzen Dutzende andere, die in einer ähnlichen Situation sind wie er.
[Bildunterschrift: Viele Oppositionelle kommunizieren über das Netzwerk Facebook, hier Mussawis Eintrag (Screenshot). ]
Nach mehreren Stunden wird er aufgerufen. In Zimmer Nummer 34 sitzen bereits zwei Beamte. Einer fragt: "Auf wie vielen Demonstrationen im Ausland warst du?" Aschkan sagt: "Auf keiner!" Der jüngere der beiden Beamten sagt: "Du bist sehr dumm!" Sie legen Fotos von einer Demonstration vor der Botschaft in Stockholm auf den Tisch. Auf mehreren ist Aschkans Gesicht rot eingekreist. "Jetzt nimm den Stift und markiere die Gesichter deiner Freunde und sag uns, wie sie heißen."
Aschkan sagt, er sei alleine hingegangen. Daraufhin stößt einer der Männer sein Knie in seinen Rücken und sagt: "Hast du von deiner Mutter und deinem Vater Abschied genommen, bevor du hierher gekommen bist?" Einer der Beamten sagt: "Hör mal Junge, hier haben schon viel größere Köpfe als du alles erzählt. Um die Ordnung in diesem Land zu bewahren, schrecken wir vor nichts zurück. Also vergeude nicht unsere Zeit und gefährde nicht deine Gesundheit!"
Aschkan umkreist auf einem Foto die Gesichter von sieben Personen und schreibt ihre Namen dazu. Plötzlich fragt einer der Beamten: "Warum hast Du Deinen Namen und Dein Foto auf Facebook verändert?" Er legt ihm einige Ausdrucke von der geschlossenen Facebook-Profilseite hin. Die Beamten fordern ihn auf, das Passwort seines Facebook-Accounts zu nennen. Dann muss er den Raum verlassen.
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Nach einer halben Stunde wird er erneut aufgerufen. Sie legen ihm Ausdrucke von Facebook-Seiten mit Listen der Fotos und Namen seiner Facebook-Freunde vor. Aschkan muss ihre Namen und alles, was zu ihrer Identifizierung notwendig ist, aufschreiben. 15 Personen sind rot markiert, die Beamten fordern mehr Informationen über sie. Einer von ihnen ist Aschkans bester Freund im Iran. Er versucht dieses Gesicht einfach zu überspringen, aber einer der Beamten bekommt es mit: "Du willst mir doch nicht erzählen, dass Du Deinen besten Freund nicht kennst!"
Aschkan erzählt mir im Chat, dass er in den 20 Jahren seines Lebens noch nie so gedemütigt worden ist. An dieser Stelle brach unsere Chat-Verbindung plötzlich ab. Aschkan ist seitdem verschwunden und beantwortet meine E-Mails nicht. Ich denke oft an ihn: Ist er Schuld daran, dass jetzt das Regime einige ihrer Gegner identifiziert hat? Ihn trifft keine Schuld, es ist dieses System, das so gnadenlos die Jugend Irans zertrümmert. Auf den Straßen zielen sie auf die Köpfe der Jugend – in abgeschiedenen Zimmern haben sie es auf ihren Körper und ihren Geist abgesehen.
[Bildunterschrift: Zwei Frauen schützen sich vor Rauch oder Tränengas. Dieses Foto wurde von der Agentur AP verbreitet, die es über das Internet erhalten hat. Es soll vom Samstag, 20. Juni sein. ]
Wie weit die Einschüchterung geht, sieht man an den jüngsten Veröffentlichungen der iranischen Nachrichtenagentur Fars. Fars unterstützt Ahmadinedschad und ist unter der Kontrolle einer Gruppierung, die eng mit den Revolutionsgarden verwoben ist. Sie hat Nahaufnahmen von Demonstranten in Teheran gemacht und veröffentlicht diese nun unter dem Titel: "Bilder von einigen der Unruhestifter"! Nun nimmt die Internetseite "Gerdab", die den Revolutionsgarden zuzuordnen ist, genau diese Bilder, markiert die Gesichter und fordert Besucher der Website auf, Informationen zur Identifizierung dieser Personen zu schicken. Unter anderen Fotos steht "identifiziert".
Wenn ich solche Sites und Bilder im Netz sehe, denke ich an Aschkan und daran, wie zurzeit im Iran den Menschen Angst und Einschüchterung eingeimpft wird. Ich versuche vergeblich, Aschkan auf seinem Mobiltelefon anzurufen. Es scheint keine Verbindung zu geben. Bei ihm zu Hause nimmt seine Schwester ab. Sie fragt sehr vorsichtig: "Sie sind also Herr….?" Dann erzählt sie mir mit leiser Stimme, dass Aschkan bei den Demonstrationen festgenommen worden ist.
Übersetzung für tagesschau.de: Marjan Parvand
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